Konkrete Einblicke in den Arbeitsalltag von Betrieben sind der stärkste Hebel, um junge Menschen für Chemieberufe zu gewinnen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Foresight-Studie im Auftrag des Fachverbands der Chemischen Industrie Österreich (FCIO), die zugleich eine überwiegend positive Wahrnehmung der Branche unter Jugendlichen belegt. Das Interesse an Chemie ist damit vorhanden, für die Berufswahl fehlt jedoch der Bezug zur Praxis.

Grundlage sind 773 Befragte im Alter von 14 bis 19 Jahren, die zwischen März und Mai 2026 online und persönlich Auskunft gegeben haben. Erhoben wurde, woher junge Menschen ihre Informationen über Berufe beziehen, welche Erwartungen sie an einen Arbeitsplatz stellen und welches Bild sie von der chemischen Industrie haben.
Chemieunterricht vermittelt nur einem Drittel eine konkrete Berufsvorstellung
Bei der Orientierung zur Berufswahl führen die wichtigsten Wege über digitale Kanäle und das persönliche Umfeld. 59 Prozent der Jugendlichen informieren sich über Internet und Social Media über Berufe, 51 Prozent über Familie und Freunde und 42 Prozent durch Schnuppern in Betrieben. Die Schule erreicht dagegen nur einen Teil der Befragten, denn lediglich 34 Prozent geben an, durch den Chemieunterricht eine konkrete Vorstellung von Chemieberufen erhalten zu haben.
Viele Jugendliche erleben diesen Unterricht als theorie- und formelorientiert, während 55 Prozent Chemie grundsätzlich interessant finden. Aus dieser Lücke leitet die Studie einen Bedarf an mehr Schulkooperationen, Betriebsbesuchen, Experimenten und Informationen über Berufsbilder ab.
„Die Studie zeigt, dass das Interesse an Chemie grundsätzlich vorhanden ist. Entscheidend für die Berufswahl sind aber konkrete Erfahrungen. Wer Betriebe kennenlernt und Einblicke in den Arbeitsalltag erhält, kann sich deutlich eher einen Beruf in der chemischen Industrie vorstellen“, sagt Mag. Christoph Hofinger, Sozialforscher bei FORESIGHT Research Hofinger GmbH.
Berufswahl trifft auf ein modernes Bild der chemischen Industrie
Das Image der Branche fällt bei den Befragten durchgehend günstig aus. 68 Prozent verbinden Chemieberufe mit kreativem Problemlösen und Erfinden, 59 Prozent sehen darin die Möglichkeit, die Welt zu verbessern, und 55 Prozent bringen die Branche mit Klima- und Umweltschutz in Verbindung.
Diesem Bild stehen klare Erwartungen an den künftigen Arbeitsplatz gegenüber. 91 Prozent der Jugendlichen wünschen sich einen sicheren Job, dazu kommen gute Bezahlung und interessante Aufgaben als die meistgenannten Kriterien.
„Die chemische Industrie entwickelt Lösungen für Gesundheit, Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft. Genau diese Vielfalt müssen wir jungen Menschen stärker vermitteln. Wer unsere Betriebe besucht, erkennt schnell, wie modern, innovativ und sinnstiftend die Arbeit in unserer Branche ist“, betont Ulrich Wieltsch, Obmann des FCIO.
Die Lehre führt von 1.250 Euro im ersten Jahr bis zur Führungsposition
Neben dem Branchenbild spielen konkrete Karriereaussichten in die Berufswahl hinein. Die Lehrlingsentschädigung liegt bereits im ersten Lehrjahr bei rund 1.250 Euro und erreicht im vierten Lehrjahr über 2.180 Euro. Viele Unternehmen bilden gezielt für den eigenen Bedarf aus und übernehmen ihre Lehrlinge nach dem Abschluss.
„Wir müssen Jugendlichen zeigen, welche Möglichkeiten ihnen die chemische Industrie eröffnet – von der Lehre bis zur Führungsposition. Wer sich für Chemie entscheidet, entscheidet sich für einen sicheren Arbeitsplatz, hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten und einen Beruf mit gesellschaftlichem Nutzen“, so Wieltsch.
Zugleich wird die Branche zunehmend weiblicher. Im Fachverband der Chemischen Industrie beträgt der Frauenanteil mittlerweile 32,8 Prozent, rund 30 Prozent der Lehrlinge sind Frauen und in der Labortechnik sind es rund zwei Drittel. 76 Prozent der befragten Jugendlichen halten Chemieberufe nicht für ein Feld, das Männern vorbehalten ist.



