Eine neue Studie des AIT Austrian Institute of Technology liefert erstmals eine methodisch einheitliche, räumlich hochauflösende Bewertung der realisierbaren Energiepotenziale in Österreich bis 2030 und 2040. Für energieintensive Betriebe weist die Studie dabei vor allem bei Industrieabwärme, Biomasse-Prozesswärme und Photovoltaik auf Betriebsarealen erhebliche Ausbaupotenziale aus.

Die Studie wurde im Auftrag des Klima- und Energiefonds unter Leitung von Gustav Resch, Projektleiter und Thematischer Koordinator am AIT, gemeinsam mit dem Umweltbundesamt, der TU Wien, AEE INTEC und der Energiewerkstatt durchgeführt. Das technische Potenzial industrieller Abwärme allein liegt für 2040 bei bis zu 9,4 TWh/a; hinzu kommen realisierbare Biomassepotenziale von bis zu 68,8 TWh/a und wachsende Ausbaupotenziale für Photovoltaik auf bereits versiegelten Industrie- und Betriebsflächen.
Industrieabwärme: technisches Potenzial mit räumlicher Konzentration
Abwärme ist eine systemisch wertvolle Wärmequelle, weil sie als Nebenprodukt industrieller und kommunaler Prozesse wie Kläranlagen anfällt und damit häufig kontinuierliche Wärmeströme bereitstellt. Die Studie unterscheidet methodisch zwischen direkt nutzbarer Industrieabwärme ab 50 Grad Celsius und Niedertemperaturabwärme unter 50 Grad, die nur über Großwärmepumpen nutzbar ist.
Bereits 2020 wurden rund 1,75 TWh/a industrieller Abwärme in Wärmenetze eingespeist, was damals etwa 43 Prozent des technischen Potenzials entsprach. Bis 2040 könnte dieses Potenzial auf 3,2 bis 3,6 TWh/a anwachsen, der verbleibende Spielraum liegt damit noch immer bei mehr als der Hälfte. Räumlich konzentrieren sich diese Potenziale in industriellen Ballungsräumen, insbesondere im Mur-Mürz-Korridor, im Inn- und Rheintal sowie in den Ballungsräumen Linz, Graz und Wien. Der bestimmende Engpass ist dabei nicht die Existenz der Quelle, sondern die Umsetzung: Netzanschluss, Temperatur- und Verfügbarkeitsprofile sowie Wärmeabnahmeverträge entscheiden darüber, ob diese Potenziale tatsächlich erschlossen werden.
Für die Niedertemperaturabwärme unter 50 Grad aus Industrie, Gewerbe und Kläranlagen weist die Studie technische Potenziale von bis zu 5,0 TWh/a für 2030 und 5,7 TWh/a für 2040 aus, wobei Kläranlagen rund 20 Prozent dieses Potenzials beisteuern. Zum Vergleich: Das zugrunde liegende INXS-Projekt (Industrial Excess Heat) identifiziert ein Gesamtpotenzial industrieller Abwärme von 34,3 TWh/a ohne räumliche Einschränkungen; nach Anwendung von Distanz- und Systemgrenzen reduziert sich dieser Wert auf 9,4 TWh/a für 2040. Die Differenz zeigt, wie stark die tatsächliche Erschließbarkeit von Netzinfrastruktur und räumlicher Nähe zwischen Quelle und Wärmesenke abhängt.
Bioenergie: Prozesswärme und erneuerbare Gase gewinnen an Gewicht
Bioenergie stellt in Österreich bereits heute eine tragende Säule der Energieversorgung dar: Der Primärenergieeinsatz fester und flüssiger Biomasse lag 2023 bei 56,8 TWh/a. Das realisierbare Gesamtpotenzial für 2040 liegt je nach forstwirtschaftlichem Entwicklungspfad bei rund 50,7 bis 68,8 TWh/a, bewegt sich also in ähnlicher Größenordnung wie heute. Besonders energiereich ist dabei die Schwarzlauge aus der Zellstoffproduktion, die in den Potenzialen der holzverarbeitenden Industrie enthalten ist und für die industrielle energetische Nutzung eine zentrale Rolle spielt.
Die entscheidende Frage ist damit weniger die Gesamtmenge als die Verwendung. Die Studie analysiert mehrere Allokationsvarianten für die künftige Biomassenutzung. Im sogenannten Balanced-Mix-Szenario ist eine deutliche Reduktion des dezentralen Raumwärmeeinsatzes vorgesehen, während der Anteil der Prozesswärme stabil bleibt und erneuerbare Gase sowie fortgeschrittene Kraftstoffe sichtbar werden. Biomasse wird damit stärker auf jene Anwendungen ausgerichtet, die hinsichtlich Dekarbonisierung als schwerer substituierbar gelten, darunter industrielle Prozesswärme und die Produktion erneuerbarer synthetischer Kraftstoffe. In der Exergieoptimierungs-Variante deckt direkte Biomassenutzung rund 31 Prozent des finalen Prozesswärmeverbrauchs; SNG und Biomethan decken zusätzlich rund 32 Prozent des industriellen Endenergieverbrauchs abzüglich Strom und Fernwärme. Für Biomethan weist die Studie ein realisierbares Potenzial von 6,8 TWh/a für 2030 und 10,7 TWh/a für 2040 aus, bei einem technischen Potenzial von 18,8 TWh/a; die Lücke zwischen beiden Werten erklärt sich vor allem durch die Abhängigkeit von Gasnetzeinspeisepunkten und Substrat-Logistik.
Photovoltaik auf Betriebsarealen: versiegelte Flächen mit hoher Realisierbarkeit
Für Photovoltaik auf versiegelten und verbauten Freiflächen, darunter explizit Betriebsareale, Parkplätze und Infrastrukturanlagen, setzt die Studie günstige Realisierungsannahmen an. Diese Flächen sind typischerweise besser erschlossen, planerisch vorbelastet und in vielen Fällen leichter integrierbar als unversiegelte Freiflächen. Zum Vergleich: Während das technische Potenzial auf unversiegelten Freiflächen österreichweit bei 822 TWh/a liegt, bleibt das realisierbare Potenzial dort bis 2040 bei maximal 6,9 TWh/a, eben weil naturschutzrechtliche, soziale und planerische Hürden die Ausschöpfung stark begrenzen. Auf versiegelten Flächen fällt diese Diskrepanz deutlich geringer aus: Das realisierbare Potenzial steigt dort von 2,5 bis 3,0 TWh/a im Jahr 2030 auf 5,3 bis 6,6 TWh/a im Jahr 2040.
Gleichzeitig hält die Studie fest, dass der weitere Ausbau von Photovoltaik und Windenergie zwingend mit einem konsequenten Ausbau und einer Weiterentwicklung der Stromnetze sowie mit zusätzlichen Speicher- und Flexibilitätsoptionen verknüpft sein muss, um die fluktuierende Erzeugung systemverträglich integrieren zu können. Die Studienergebnisse sind öffentlich zugänglich und bis auf Gemeindeebene aufgelöst über die Web-GIS-Plattform gtif-austria.info abrufbar. Die Langfassung des Berichts ist über den Klima- und Energiefonds unter klimafonds.gv.at verfügbar.


