Das Wuppertal Institut hat im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ein Positionspapier erarbeitet, das sechs Maßnahmen zur Stärkung des Kunststoffrezyklate-Markts vorschlägt – von der Plastikabgabe über zirkuläre Geschäftsmodelle bis zur öffentlichen Beschaffung.

DBU-Generalsekretär Alexander Bonde sieht in einer konsequenten Kreislaufwirtschaft den entscheidenden Kompass für die Kunststoffbranche: Vielversprechende Recyclingtechnologien existierten in Deutschland, müssten aber am Markt etabliert werden. Die Wertschöpfungskette sei bislang weitgehend linear organisiert und basiere auf fossilem Öl – das Potenzial für Rezyklate bleibe damit weitgehend ungenutzt.
Kunststoffrezyklate im Rückstand: Ursachen einer strukturellen Schwäche
Prof. Dr. Henning Wilts, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft beim Wuppertal Institut und Autor des Positionspapiers, benennt mehrere Ursachen für die schwache Marktstellung von Kunststoffrezyklaten. Bundesweit liege der Rezyklatanteil unter 20 Prozent, obwohl verfügbare Technologien einen deutlich höheren Anteil ermöglichen würden. Ein zentrales Hindernis sei die enorme Materialvielfalt: Zehntausende Kunststoff-Varianten erschwerten Recyclingverfahren, die in der Praxis nur selten über Uni-Labore hinauskämen. Hinzu komme das vermeintlich negative Image von recyceltem Kunststoff.
In Europa fallen laut Wilts rund 16 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an, in Deutschland sechs Millionen Tonnen. Bundesweit werde knapp die Hälfte recycelt, in Europa erheblich weniger. Der globale Kunststoffrecyclingmarkt hat ein Volumen von rund 51,4 Milliarden Euro. Ausgangsmaterialien für Rezyklate sind vor allem Verpackungen, Fahrzeuge, Elektronikware und bestimmte gewerbliche Abfälle – ein Markt, der in Deutschland überwiegend mittelständisch geprägt ist.
EU-Rezyklatquoten und die drohende Versorgungslücke
Ab August 2026 greift die EU-Verpackungsverordnung PPWR, die Mindestquoten für Rezyklate schrittweise einführt: Ab 2030 müssen kontaktempfindliche PET-Verpackungen 30 Prozent Rezyklate enthalten, ab 2040 steigt dieser Anteil auf 50 Prozent. Für Einweggetränkeflaschen aus Kunststoff gelten Quoten von 30 Prozent ab 2030 und 65 Prozent ab 2040. Wilts bewertet die Regelungen als zu spät – und warnt: Bricht die heimische Recyclingkapazität weiter weg, könnte Europa wegen der PPWR-Vorgaben auf Rezyklat-Importe aus dem Ausland angewiesen sein.
Dazu trägt auch die paradoxe Marktsituation bei: Selbst bei steigendem Ölpreis, der fossile Kunststoffprodukte verteuert und Rezyklaten eigentlich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen müsste, bleibt die Nachfrage schwach. Wegen fehlender Investitionssicherheit scheiden immer mehr Recyclingbetriebe aus dem Markt aus.
Sechs Maßnahmen: Von der Plastikabgabe zum Kunststoff als Dienstleistung
Das Positionspapier bündelt sechs Vorschläge, um den Rezyklatmarkt zu stabilisieren. Erstens empfiehlt Wilts eine deutliche Reduzierung der Materialvielfalt – ohne die Funktionalität von Kunststoff zu gefährden. Zweitens sollen Beschaffungen der öffentlichen Hand als zentraler Hebel für zusätzliche Nachfrage nach Kunststoffrezyklaten genutzt werden. Drittens spricht sich das Papier für eine global koordinierte Plastikabgabe aus, die Umweltkosten bei Gewinnung und Verarbeitung von Erdöl zu Kunststoff internalisiert – mit der ausdrücklichen Bedingung, dass sie nicht zu einer Verlagerung auf ökologisch nachteilige Alternativmaterialien führt.
Weitere Empfehlungen umfassen die Förderung zirkulärer Geschäftsmodelle, darunter das Konzept „Plastik als Dienstleistung“, bei dem Umsatz nicht durch Verkauf, sondern durch zirkuläre Nutzung erzielt wird. Wilts verweist auf das Beispiel Rolls-Royce, das Gebühren für die Nutzung von Flugzeugturbinen berechnet, statt diese zu verkaufen. Materialvielfalt und Mindestrezyklatquoten sind auch Bestandteil der aktuell diskutierten Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie der Bundesregierung.


